Ein Land unter Druck: Georgien am Scheideweg zwischen Europa und Russland
Recherchereise nach Georgien im November 2025
Von Tim Schellenbach und Moritz Kudermann

Tbilisi empfängt uns an diesem Freitagmittag mit seiner ganzen Pracht: Die Sonne strahlt, und bei angenehmen 18 Grad brechen wir auf in Richtung Stadtzentrum. Ein Snack beim Bäcker auf die Hand, schnell noch einen Kaffee in der Sonne getrunken, und schon geht es weiter – der Start einer ganz normalen Reise. Doch wer aufmerksam durch Tbilisi läuft, merkt schnell: Irgendetwas hier ist anders. Da sind etwa die bemalten Hauswände, die abwechselnd die Flagge von Georgien, der EU, der NATO oder der Ukraine zeigen – geziert mit der Aufschrift „FUCK PUTIN“ oder „FUCK RUZZIA“. Oder die Kameras, die uns auf der Rustaveli Avenue, einer der Hauptstraßen der Stadt, auf Schritt und Tritt aufzeichnen.
Von normal kann tatsächlich keine Rede sein. Dass sich das Land seit rund einem Jahr im Ausnahmezustand befindet, wussten wir jedoch bereits vor Beginn der Recherchereise von journalists.network. Wir kennen die Bilder von den Demonstrationen, wissen von der manipulierten Parlamentswahl im Jahr 2024, von willkürlichen Festnahmen. Und auch in den Wochen vor unserer Reise gibt es genug Grund zur Sorge. Zwei Wochen vorher wird der deutsche Botschafter aus Tbilisi einbestellt, weil die Regierungspartei Georgischer Traum zunehmend gegen ihn hetzt. Und eine Woche vor Abreise beantragt die Regierung offiziell das Verbot der drei stärksten Oppositionsparteien.
Trotzdem fliegen wir. Oder gerade deshalb? Genug zu berichten wird es geben, das ist jeder und jedem auf dieser Reise klar. Und so stehen wir am ersten Tag in Tbilisi, zwölf Journalist:innen, aus Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Wien und Kiew. Und wir haben unzählige Fragen: Wie viel Demokratie existiert noch in diesem Land? Wieso nähert sich die Regierung Russland an? Wie reagiert die Bevölkerung? Wie funktioniert die Propaganda? Und wie gefährlich leben Journalist:innen oder Oppositionelle?

In den kommenden zehn Tagen werden wir etliche Antworten bekommen. Zuerst bei einer Stadttour, die sich für die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte Georgiens einsetzt. Der Guide nimmt uns mit auf eine zweistündige Tour rund um das Parlamentsviertel. Auf dem Spaziergang erfahren wir mehr über die Gründung der sozialdemokratischen Republik Georgien im Jahr 1918. Er erzählt uns vom gespaltenen Verhältnis zwischen Georgien und der Sowjetunion, die Georgien 1920 als eigenständigen Staat anerkannte, nur um das Land knapp ein Jahr später anzugreifen und zu besetzen. Die Personifizierung dieses gespaltenen Verhältnisses zwischen beiden Ländern ist Josef Stalin, der zwar Georgier war, gleichzeitig als Bolschewik gegen die menschewistische Regierung Georgiens kämpfte.
Genauso spricht unser Tourguide über gegenwärtige Herausforderungen. Die sowjetische Geschichte, vor allem die Repressionen, werden von der Regierung nicht thematisiert. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Ort, an dem die Tour endet. Das prunkvolle Parlamentsviertel liegt hinter uns, nun stehen wir im Eingang eines ordinären Wohnhauses. Der Putz ist abgebröckelt, die Fassade ist übersäht von Graffiti – nichts lässt auf eine besondere Bedeutung schließen. „Dieses Gebäude hat die blutigste Geschichte in ganz Georgien“, leitet unser Guide ein. Wir befinden uns im ehemaligen Sitz der Tscheka, dem Vorgänger des Geheimdiensts KGB. Von hier aus wurden Hinrichtungen und Deportationen koordiniert, unter uns liegen die Zellen, in denen politische Gegner eingesperrt und gefoltert wurden, über uns wohnen Menschen wie in jedem anderen Haus. Statt es zu einem Mahnmal umzugestalten, wolle die Regierung es lieber abreißen.
Wenig später sitzen wir bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Auch hier kennt man die Probleme mit der georgischen Regierung. Alle Gesprächsinhalte sind off-the-record, man halte sich seit einiger Zeit lieber bedeckt. Es wird keineswegs das einzige Gespräch dieser Reise bleiben, aus dem wir nicht zitieren können. Unser erster Eindruck festigt sich langsam: Die Sorge unserer Gesprächspartner:innen vor Repressionen der Regierung ist deutlich zu spüren, wie ein roter Faden zieht sie sich durch große Teile der Bevölkerung.
Mit diesen Eindrücken verlassen wir die KAS. Nach den eher harten Themen steht nun ein anderer Programmpunkt an: Im Shavi Lomi, einem traditionell georgischen Restaurant, lernen wir die lokale Küche unseres Reiselandes kennen. Als wir ankommen, steht eine lange Tafel bereit, hungrig und erschöpft setzen wir uns und schon beginnt das Menü. Es gibt Badrijani (Aubergine mit Walnusspaste), den traditionellen Tomaten-Gurken-Salat, dazu Schafskäse und eine schier unendliche Auswahl an Dips, wahlweise aus Rote Beete, Spinat, Koriander oder Walnuss. Dazu gibt es Wein aus Khacheti, der ältesten Weinregion der Welt. Weiter geht es mit Lobiani und Khachapuri, flachem Brot, gefüllt mit Bohnen, Käse oder Hackfleisch. Zum Hauptgang werden Hähnchenkeulen in Walnusssauce serviert, gleich neben Eintopf aus geschmortem Rindfleisch in einer Sauce aus Tomaten und Granatapfelkernen mit Polenta.

Was noch fehlt, ist ein Tamada. Nach georgischer Tradition gibt es bei festlichen Anlässen eine Person, die in fester Reihenfolge Trinksprüche aufsagt, über die Familie, Freunde, das Land, und eigentlich auch alles andere, was einem so in den Sinn kommt. Einen Tamada im klassischen Sinne gab es an diesem Abend nicht. Dafür aber einen anderen Gast, der nach dem Essen an unseren Tisch torkelt. Als ausländische Reisegruppe haben wir offenbar sein Interesse geweckt. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig – schließlich sprechen weder wir georgisch noch er englisch – was ihn aber nicht davon abhält, sich an unserem Wein zu bedienen und uns im Gegenzug eine ausgiebige Rede zu widmen. Die Bedienung erklärt sich einverstanden, für ihn zu übersetzen, was leichter gesagt als getan ist. Statt der Sprachbarriere scheitert es eher am Pegel des Redners. Authentischer hätte der Abend also kaum enden können.
Am nächsten Tag erwartet uns eines der thematischen Highlights der Reise. In einem Workshop mit Journalist:innen vor Ort wollen wir über die deutsche Berichterstattung über Georgien sprechen. Wie bei der KAS ist auch dieses Treffen vertraulich. Schnell merken wir, wie problematisch die Lage für Journalist:innen in Georgien ist. Wer bei staatlichen Medien gearbeitet hat und nicht auf Regierungslinie berichtet, hat entweder den Job verloren oder sitzt im Gefängnis. Private Medien haben Probleme bei der Finanzierung, seit die Regierung das foreign agent law verabschiedet hat: Organisationen, die mindestens 20 Prozent ihrer Gelder aus dem Ausland beziehen, gelten als ausländische Agenten. Sie müssen ihre Dokumente offenlegen und unterliegen willkürlicher staatlicher Schikane. Wer dies nicht tut, dem drohen hohe Bußgelder, teils Gefängnisstrafen. Einige sprechen vom russian law, denn das Gesetz ist stark an ein russisches Gesetz von 2012 angelehnt.
Dennoch: Das Engagement der Journalist:innen ist ungebrochen hoch. Manche von ihnen arbeiten nur noch in ihrer Freizeit bei einem Medium, während sie mit einem Vollzeitjob ihren Lebensunterhalt verdienen. Andere sorgen sich, dass sie selbst das nächste Ziel der Regierung werden könnten. Dass wir heute in den Dialog kommen, sehen auch sie als Chance. An der deutschen Berichterstattung muss sich vieles ändern, darüber sind sich alle einig. „Wenn bei Demonstrationen brennende Barrikaden zu sehen sind, berichten alle deutschen Medien“, sagt eine Journalistin. „Aber intensive Recherchen über den Kontext oder die Lage in Georgien fehlen. Wir kommen erst vor, wenn Katastrophen passieren.“
Dass Texte zu Georgien schwer zu verkaufen sind, haben einige von uns Reiseteilnehmenden bereits gemerkt. Mal fehle der Bezug zu Deutschland, mal habe man bereits vor einigen Monaten über Georgien berichtet. Mal sei die Ukraine wichtiger, oder man habe schlicht kein Interesse an der Region. Beim Workshop sprechen wir darüber, wie wir mehr und vor allem bessere Geschichten über die Lage in Georgien schreiben können. Es geht um Medienökonomie, verbreitete russische Narrative, mögliche Themenideen, fehlende Netzwerke. Wobei der Workshop ein erster Schritt ist, ein solches Netzwerk aufzubauen. Wir tauschen unsere Nummern aus, erhalten Kontakte zu möglichen Protagonist:innen für Beiträge – oder plaudern einfach über die Arbeit, unser Leben oder Reisetipps für Georgien.

Am nächsten Morgen geht es für uns zum ersten Mal raus aus der Hauptstadt in Richtung Norden des Landes. Unsere Fahrt führt in die Region Kazbegi, nahe der Grenze zu Russland. Auf dem dreistündigen Weg stoppen wir an der mittelalterlichen Festung von Anaouri, von der wir den Jinvali-Stausee überblicken, der die Hauptstadt mit Trinkwasser und Energie versorgt. Wenig später halten wir am Denkmal der georgisch-russischen Freundschaft, ein farbenfrohes, geschwungenes Mosaik-Bauwerk. Das 1983 errichtete Mosaik zeigt Szenen aus russischen und georgischen Legenden, darunter die Mutter Russland, die Georgien als Kind in ihren Armen schützt. Heute ist es für die Georgier aber kein Zeichen für Freundschaft, sondern vielmehr ein Symbol des russischen Verrats über die vergangenen Jahrhunderte.
Wir setzen unsere Fahrt fort und bestaunen immer größer werdende Gebirgsschluchten, bis wir den einzigen offenen Grenzübergang zwischen Russland und Georgien erreichen: Zemo Larsi. Besonders bekannt wurde der Grenzübergang 2022, als eine Generalmobilmachung tausende russische Männer über die Grenze trieb. Heute stauen sich hier vor allem LKWs Stoßstange an Stoßstange. Als wir die Grenzstation fotografieren, tritt ein Beamter auf uns zu. „Löschen“, sagt er knapp, keine Diskussion. Für uns ist es Zeit, weiterzufahren. An einer langen Tafel voller georgischem Essen mit Blick auf die über 5000 Meter hohen Berge, lassen wir den Tag ausklingen, bevor es zurück nach Tbilisi geht.

Auch am nächsten Tag sitzen wir bereits früh im Reisebus für einen weiteren Ausflug. Es geht nach Gori, die Geburtsstadt des zweifellos berühmtesten Georgiers: Josef Stalin.
Im Innenhof begrüßt uns ein mehrere Meter hohes Denkmal des Diktators, der Museumsshop lockt mit allerlei Souvenirs, vom Stalin-Jutebeutel über Stalin-Magnete bis zu Stalin-Tellern. Mal lacht Stalin, mal raucht er, mal beides gleichzeitig. Unsere Museumsführerin erzählt uns auf Englisch über Stalins Herkunft, zeigt uns Bilder aus seiner Jugend und erklärt sein Wirken im Zweiten Weltkrieg. Unsere Museumsführerin spricht, als hätte sie den Text auswendig gelernt, Rückfragen weicht sie aus. Hier ein Bild, auf dem er Mao Tse Tung zulächelt, dort sein Aschenbecher. Aber was ist mit Stalins Rolle bei den Repressionen, Arbeitslagern und der totalitären Diktatur? Erst am Ende der Tour führt uns die Museumsführerin in einen Kellerraum, wo auf den stalinistischen Terror und Millionen Opfer des sowjetischen Regierungsapparates eingegangen wird. Doch nur auf Nachfrage erklärt sie uns Stalins Rolle bei den Säuberungen. Schließlich gibt es noch den kugelsicheren Eisenbahnwaggon zu sehen, in dem der Diktator durch sein Imperium fuhr. Oliver Reisner, seit mehreren Jahren Professor für europäische und kaukasische Studien an der Ilia State University in Tbilisi, begleitet uns in Gori und erklärt uns ausführlicher als unsere Museumsführerin die Wichtigkeit und Bedeutung Stalins für Georgier früher und heute.

Nach einer kurzen Stärkung geht es für uns weiter in das kleine Dorf Ergneti. Einst war es ein regionales Zentrum, der Basar zog Händler aus dem ganzen Land an. Heute wirkt der Ort verlassen, die Häuser stehen leer, die Straßen sind still. Über einem der verbliebenen Häuser wehen die georgische und die europäische Fahne. Hier lebt Lia Chlachidze. Von ihrem Garten blickt die 73-Jährige auf Zchinwali, die Hauptstadt Südossetiens. Die Stadt liegt nur einen Kilometer entfernt, ist aber doch unerreichbar: Direkt hinter ihrem Garten verläuft die Kontaktlinie, die Grenze zwischen Georgien und dem von Russland besetzten Gebiet Südossetien.
Als russische Truppen im August 2008 Georgien angriffen, flohen viele Menschen aus Südossetien, darunter auch Chlachidze. Bereits zehn Tage später war der Krieg vorbei, also kehrte sie zurück. Doch ihr Haus war bereits niedergebrannt, nur die Mauern standen noch. Acht Jahre lang baute sie es wieder auf. Heute befindet sich in ihrem Keller ein privates Kriegsmuseum. Der Raum ist klein und kalt. In Regalen liegen Reste der Bomben, die ihr Haus zerstört haben, Granatsplitter, eine verbrannte Uhr und geschmolzene Glasflaschen. An den Wänden hängen Fotos geflohener Familien und getöteter georgischer Soldaten. Dazwischen liegen Spielzeuge und Kinderkleidung, die im Chaos zurückblieben.
Chlachidze erzählt uns die Geschichte jedes einzelnen Objekts. Auch die der georgischen Flagge, die sie bei ihrer Flucht am Straßenrand fand und vor russischen Soldaten versteckte. Sie schildert den Alltag in Ergneti heute, in dem Patrouillen und Drohnen zum Alltag gehören. Im Dorf gibt es kein öffentliches Leben mehr. Wer bleibt, lebt im Konfliktgebiet. Viele Freunde hat sie seit 2008 nicht mehr wiedergesehen. Bei der Erinnerung an den Überfall kommen ihr die Tränen. Sie hält dieses Museum offen, um die Schuld und Gräueltaten Russlands in ständiger Erinnerung zu behalten, erklärt sie. Der Besuch bei Chlachidze und ihre Worte hallen in uns nach, als wir uns auf den Rückweg machen. Für uns wird es der wohl emotionalste Termin dieser Reise bleiben.

Auf dem Weg zurück halten wir im kleinen Ort Shindisi. Hier steht ein Denkmal für 17 georgische Soldaten, die 2008 im Kampf gegen die russischen Truppen starben. An diesem Abend besucht eine Gruppe georgischer Veteranen die Gräber. Sie kommen regelmäßig hierher, erzählt der Älteste von ihnen, häufig trinken sie ein Glas Wein oder Schnaps auf ihre Kameraden. Angst vor einem weiteren Überfall hätten sie nicht, auch wenn es jederzeit wieder passieren könne. „Eines Tages holen wir uns das Gebiet zurück”, sagt uns einer der Männer.
Der Konflikt mit Russland ist zwar nicht mehr als offener Krieg sichtbar, tritt jedoch an vielen Stationen unserer Reise zutage – insbesondere entlang der Grenzen zu den von Russland besetzten Gebieten Südossetien und Abchasien. Bei einem Treffen mit dem Aktivisten Dato, der aus Sicherheitsgründen anonym bleibt, wird dies besonders deutlich: Zusammen mit anderen Aktivisten dokumentiert er, wie russische Truppen die Grenzen schleichend verschieben und ihr Territorium in Nacht-und-Nebel-Aktionen ausweiten. Immer wieder werden dabei auch georgische Zivilisten entführt, zur Unterschrift gezwungen, mit der sie die angebliche Grenzverletzung eingestehen, und erst gegen Geldzahlungen freigelassen. Wer flieht, riskiert sein Leben. Solche Vorfälle untergraben die Waffenstillstandslinie nach dem Kaukasuskrieg 2008. Mithilfe von Satellitenbildern, etwa über Google Earth, belegen die Aktivisten zudem, wie Russland Straßen und Stellungen auf georgischem Gebiet errichtet und anschließend die Grenze verschiebt. Kritik gibt es auch an der georgischen Regierung: Aus Angst vor Eskalation greife sie kaum ein. „Eigentlich wäre es ihre Aufgabe, die Russen zu beobachten, nicht meine“, sagt der Aktivist.

Auf unseren Ausflügen lernen wir vor allem, wie angespannt das Verhältnis zwischen Georgien und Russland ist. Bei Treffen mit verschiedenen Gruppen geht es aber auch immer um die innenpolitische Lage Georgiens. Schließlich wird die georgische Regierung nicht müde, den Druck auf die Zivilbevölkerung, Journalisten und die Oppositionsparteien zu erhöhen.
So verkündete die Parlamentspräsidentin Schalwa Papuaschwili kurz vor unserer Reise den Plan, die drei größten Oppositionsparteien zu verbieten, da sie „eine echte Bedrohung für die verfassungsmäßige Ordnung“ darstellen. Über die Repressionen und den Abbau demokratischer Grundrechte kommen wir auf unserer Reise immer wieder mit Politikern ins Gespräch. Insgesamt treffen wir drei führende Oppositionspolitiker:innen, die davon berichten. Sie können ihre Arbeit nur noch im Nebenberuf nachgehen, da sie die Ausübung des Mandats in reale Gefahr bringt. Alle drei eint das Ziel, sich weiterhin der Regierungspartei entgegenzustellen. Trotz der Repressionen träumen sie von einem unabhängigen und demokratischen Georgien – wie sie das erreichen wollen, unterscheidet sich jedoch teils deutlich. Im direkten Austausch wird uns klar, dass der gespaltenen Opposition eine gemeinsame Vision fehlt, die Regierungspartei zu besiegen. So kann etwa keiner der Gesprächspartner eine Führungsperson nennen, die vorangehen und öffentlich die Opposition anführen könnte.
Ein zentrales Problem, vor dem die Oppositionsparteien stehen, ist die Art, auf welche die Regierung ihre Macht sichert. Eines der gängigsten Narrative: die Angst vor einem erneuten Krieg mit Russland. Durch zahlreiche Fake News und Desinformationskampagnen wird die Bevölkerung immer wieder mit Bedrohungsszenarien konfrontiert, gegenüber denen eine Annäherung an Russland als einzige Lösung erscheint. In der Ukraine könne man ja sehen, was passiert, wenn man in Richtung EU strebt – so die Aussagen der georgischen Regierung. Über diese Methode sprechen wir mit Tamar Kintsurashvili von der Media Development Foundation. Die Direktorin der gemeinnützigen Organisation zeigt uns Plakatwände, die der Georgische Traum im letzten Wahlkampf aufgestellt hat. Links zeigt das Plakat zerstörte Straßenzüge in der Ukraine, daneben sieht man georgische Luxusimmobilien und moderne Schulen.
Ein weiteres Narrativ: der „deep state“ habe die EU unterwandert und wolle Ländern wie Georgien schaden, „Gayropa“ gefährde das klassische Familienmodell und den Schutz von Minderjährigen. Mit dieser Begründung führe die Regierung das „Gesetz zum Schutz von Familienwerten und Minderjährigen ein“, die die gleichgeschlechtliche Ehe und die Adoption von Kindern durch LGBTQI-Personen untersagt. Medien, die homosexuelle Beziehungen zeigen, werden zensiert.

Welche Spuren die queerfeindliche Politik hinterlässt, sehen wir nicht nur in Desinformationskampagnen, sondern auch in der Vashlovani Street. Die Straße im Zentrum Tbilisis ist die letzte verbliebene Anlaufstelle der queeren Community. Neben der Success Bar sind das Mozaika und das Mimosa die Szene-Bars. „Unsere 100 Meter Freiheit“, sagt Mariam Kvarathskhelia. Die Aktivistin engagiert sich in der „Queer Initiative“ und ist einer der wenigen Personen, die sich öffentlich zu den Themen der Community äußert. Das liegt neben der Regierung auch an rechtsextremen Gruppen, die in der Vergangenheit Büros von Kvarathskhelias Organisation gestürmt und deren Pride-Veranstaltungen attackiert haben. „Unsere aktuelle Strategie besteht darin, einfach zu überleben“, sagt Kvarathskhelia. Viele Bekannte hätten Georgien bereits verlassen. Sie hingegen will bleiben und sich weiter für die Rechte der queeren Community einsetzen. Hoffnung gibt ihr die Vasholani Street. Ihrer Einladung in einen der Clubs folgen wir am Wochenende – und erleben eines der letzten „safe spaces”, in dem die Community trotz aller Unsicherheiten gemeinsam feiert.
Die Reise fand in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) statt. Die Reise wurde zudem unter anderem finanziell unterstützt vom Castor&Pollux Hotel Tbilisi.
Die Organisatoren waren die Journalisten Henrik Schütz (freier Journalist, u.a. WDR) und Johann Stephanowitz (Berliner Morgenpost).