Klimawandel, Kaffee und Reisestrapazen
Recherchereise nach Äthiopien im November/Dezember 2025
Von Gian-Luca Delbach, Clara Gehrunger und Amélie Günther

Dass man sich mit Ende 20 oder Anfang 30 noch einmal wie vor dem Beginn eines neuen Schuljahres fühlen kann, ist etwas, mit dem wir am Frankfurter Flughafen nicht unbedingt gerechnet haben. Aber genau dieses Gefühl kommt auf, als unsere Gruppe von zwölf Journalist*innen erstmals in der realen Welt aufeinander trifft und die ersten verhaltenen „Hi ich bin XYZ” ausgetauscht sind.
Wie werden die neuen Mitschüler*innen sein? Werde ich mich mit allen verstehen? Wie wird uns der Kurs, den wir zusammen besuchen, gefallen? Diese Flashbacks von damals kommen für einen kurzen Moment auf, werden dann aber unterbrochen durch kräftige Umarmungen und ein leidenschaftliches „Happy Birthday to youuu” – der berühmte Eisbrecher. Gleich zwei Leute haben am Tag unseres Abfluges Geburtstag.
Nach einem gemütlichen sieben Stunden dauernden Nachtflug kommen wir in Addis Abeba an. Schnell sehen wir: Das ist eine Stadt, die sich im Umbau befindet. Das bekommen wir selbst zu spüren, als wir den ersten Spaziergang machen. Das Viertel, in dem unser Hotel steht, ist eines der angesagtesten der Stadt. Eine asphaltierte Straße gibt es dort allerdings im Moment nicht. Stattdessen sehen wir Bulldozer, Bagger und Kräne. Hier wird gerade das Stadtbild komplett verändert. Weiter stadteinwärts ist das schon passiert. Dort sehen wir gläserne Hochhäuser und neue Parkanlagen.
Auf den neu asphaltierten Straßen fahren viele E-Autos. Die Elektromobilität in Addis Abeba soll eines der Prestigeprojekte der Regierung sein. Mittlerweile dürfen keine Verbrenner-Autos mehr importiert oder als Neuwagen verkauft werden. Die Spritpreise steigen von Monat zu Monat rapide an. Unser Besuch einer E-Roller-Fabrik zeigt: Der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen und es gibt immer mehr Unternehmen, die Äthiopien moderner machen wollen.

Ein Star der ersten vier Tage ist Injera – ein weiches Fladenbrot aus Sauerteig. Es schmeckt wie ein saurer Pfannkuchen und ist für Äthiopier das, was für Italiener die Pasta ist – unersetzlich und bei fast jedem Gericht mit dabei. Wir checken in diesen Tagen die Restaurantszene von Addis Abeba aus, gehen mit lokalen Journalist*innen in traditionelle Lokale, tauschen uns aus. Während eine Ethio-Jazz-Band unsere Gespräche untermalt, erzählen uns die Kolleg*innen, dass es hier nicht einfach sei, als unabhängige*r Journalist*in zu arbeiten.
Sie erzählen von unangenehmen Begegnungen mit den Behörden, von Drohungen, aber auch von Skandalen und Vertuschungen, die sie trotz der Widrigkeiten aufgedeckt haben. Wir stoßen darauf mit Tej an, einem fermentierten Honigwein, der häufig zum Essen getrunken wird („Genauso gut wie Bier, aber macht schneller betrunken”, ist die einhellige Meinung der Locals).
Vor einem Inlandsflug sollte man allerdings nicht zu viel davon trinken, vor allem nicht, wenn man Flugangst hat. Denn die kleine Bombardier-Propellermaschine, mit der wir am fünften Tag nach Jimma in die Kaffeeregion fliegen, ist „shaky”. Der Customer-Service dagegen ist bemerkenswert. Auf einem 40-Minuten Flug bekommen wir ein Falafel-Sandwich und einen Apfelsaft. So kann es weitergehen.
Nach der Ankunft machen wir unser erstes (und letztes) vollständiges Gruppenfoto, dann geht es für uns in zwei Gruppen auf getrennten Wegen weiter. Das A-Team quetscht sich zu sechst in einen klapprigen Wagen, der Fahrer ist zuversichtlich: Auch zwischen das Gepäck im Kofferraum passt mindestens eine Person. Gruppe B verteilt sich unterdessen gemütlich auf zwei Geländewagen, hat dafür aber auch eine sehr lange und holprige Fahrt vor sich. Choose your poison – für Gelächter ist jedenfalls schon mal gesorgt.

Vor Ort in der Herkunftsregion des Arabica-Kaffees treffen wir Menschen, die seit Generationen Kaffee ernten. Andere haben erst vor wenigen Jahren damit begonnen. Sie leben in einfachen Verhältnissen. Dennoch ist der Kaffeeanbau wirtschaftlich attraktiv genug, dass immer mehr Menschen in der Region in die Kaffeeproduktion einsteigen.
So erzählt es eine der Kaffeebäuerinnen, die wir kennenlernen. Seit dem Tod ihres Mannes vor einigen Jahren verkauft sie ihre Kaffeebohnen und Gewürze selbst – und ernährt damit ihre sieben Kinder. Mittlerweile kann sie ihre Ausgaben zwar decken, doch neben der Ernte und Vermarktung ihrer Bohnen bleibt ihr kaum Zeit für anderes.
Ein Bauer aus dem Kafa-Biosphärenreservat erzählt, wie bereits seine Vorfahren den im Wald geernteten Kaffee für traditionelle Zeremonien nutzten. Kaffee sei mehr als ein Getränk, sondern vereine die Bewohner und diene als Opfergabe an die Natur. Er sieht den Kafa-Wald als „die Mutter des Kaffees“.
Auch wir werden eingeladen, an einer Kaffeezeremonie teilzunehmen. Die grünen, ungerösteten Bohnen werden in eine steinerne Schale geschüttet und auf heiße Kohle gelegt. Dabei werden sie von einer Person permanent bewegt, damit sie gleichmäßig geröstet werden. Nach 15 Minuten sind die Bohnen schwarzbraun und es breitet sich ein starkes Röstaroma aus. Traditionell nimmt die Rösterin die Schale und geht von Person zu Person, damit jede*r den Rauch des frisch gerösteten Kaffees inhalieren kann. Erst danach wird der Kaffee zerkleinert und in die Kanne gegeben. Es ist ein sehr intimer Moment, an dem wir hier zwischen den Kaffeebäumen teilnehmen dürfen.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr aus den dicht bewaldeten, hügeligen Kaffeegebieten mit ihren angenehmen Temperaturen geht es für einen Teil der Gruppe in die Wüstenregion Afar im Nordosten Äthiopiens. Hier treffen wir auf eine andere Lebensrealität. Für die Menschen ist es Winter – mit um die 35 Grad tagsüber – und in Kürze soll die Trockenzeit einer leichten Regenzeit weichen. Falls die denn kommt, denn in den vergangenen zwanzig Jahren hat die Frequenz von Dürren deutlich zugenommen. Wir besuchen ehemalige Hirt*innen, die ihren traditionellen, halbnomadischen Lebensstil aufgegeben haben, um sich in Flussnähe um landwirtschaftliche Projekte zu bemühen. Das ist nur für die Wenigsten eine Option, gibt es doch nur wenige verlässliche Wasserquellen in der Region. Außerdem bedeutet der Gemüseanbau für die meisten Menschen in Afar eine Umstellung: Traditionell ernähren sich die Afari von Tiermilch und Maisbrot. Auch in Afar ist die Gastfreundschaft groß und wir werden zu Kaffee, Milch und Maisbrot mit Butter eingeladen. Nach den häufigen Injera-Gerichten eine willkommene Abwechslung.
Am beeindruckendsten ist in der Region aber ohne Zweifel der halbnomadische Lebensstil, der hier schon seit gut tausend Jahren praktiziert wird. Jeglicher Besitz der Halbnomad*innen ist auf den Transport ausgerichtet. Lange Holzstäbe dienen als Gerüst für die kleinen, runden Hütten der Afari. Innerhalb kürzester Zeit ist alles abgebaut und auf Dromedare gespannt. So sehen wir Orte, an denen an einem Tag mehrere solcher Hütten stehen – am nächsten Tag aber ist keine Spur davon mehr übrig.
Die Rückkehr nach Addis Abeba verspätet sich um eine Nacht, nachdem unser Flieger wegen eines „technischen Problems” notlanden muss. Wir machen das Beste draus und genießen den letzten gemeinsamen Abend auf äthiopischem Boden bei einem gemütlichen Abendessen mit etlichen Stechmücken, bettelnden Katzen und guten Geschichten.
Auch die zweite Gruppe hat sich ihre Rückkehr in die Hauptstadt anders vorgestellt: Sie hatte in Asosa in der Nähe der Grenze zum Sudan das Geflüchtetenlager Ura besucht. Dort hatte die Gruppe die Möglichkeit bekommen, mit sudanesischen Geflüchteten zu sprechen und sich die Lage an der Grenze anzuschauen. Für viele waren das emotional sehr anstrengende Tage, die zudem mit körperlichen Herausforderungen einhergingen: einer Lebensmittelvergiftung. Auf der Rückreise verloren viele Teammitglieder nacheinander einen gehörigen Teil an Flüssigkeit; der Rückflug nach Addis Abeba hätte angenehmer sein können.

So ist der letzte Tag der Recherchereise in Addis Abeba ein organisatorischer Kraftakt. Zahlreiche Interviewtermine werden auf wenige Schultern verteilt, Mikros untereinander ausgeliehen, dringende Fragen an die Gesprächspartner einander zugeschickt. Für alle, die nicht mit Übelkeit zu kämpfen haben, gibt es noch ein schnelles gemeinsames Abendessen.
Am Flughafen müssen wir lange warten, unsere Kameras und Mikrofone wieder von einer Liste streichen lassen, die bei unserer Anreise angefertigt wurde. Wenig Zeit für viel zu überteuerte Notfall-Mitbringsel für diejenigen unter uns, die dafür auf den letzten Tag gesetzt hatten. Dann ist das Schulgefühl zurück: In der Nähe unseres Gates sitzen wir alle gemeinsam auf dem Boden im Kreis und lassen zwei intensive Wochen Recherche in Äthiopien Revue passieren. Abi erfolgreich bestanden, wir freuen uns schon auf das erste Alumni-Treffen.
Die Reise fand in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung von Menschen für Menschen, der Welthungerhilfe, dem NABU, Plan International, Endress + Hauser, Solino Coffee und Fruitbox Africa statt.
Die Organisatoren waren die freien Journalisten Jonas Gerding (u.a. Deutsche Welle), Tycho Schildbach (u.a. WDR) und Julian Hilgers (u.a. RTL, Deutschlandradio).