Brasilien vor der COP30: Soziale Bewegungen und Klimagerechtigkeit
Recherchereise nach Brasilien im Oktober 2025
Von Timur Gökce, Melissa Erhardt und Kyra Hertel

Zwölf Tage lang sind wir im größten Land Südamerikas unterwegs, auf der Suche nach Themen, Geschichten und Menschen. Unser Anlass: Die COP30, die UN-Weltklimakonferenz in Belém. Dabei berichten wir nicht von der COP30 selbst, sondern über das, was die Menschen aus Zivilgesellschaft, Politik und Privatwirtschaft im Vorfeld der Konferenz bewegt. Notizen aus Brasilien.
8. Oktober, Mittwoch:
Nach fast 15 Stunden sind wir frühmorgens in São Paulo gelandet. Von der schieren Größe dieser Stadt kann man sich beim Anflug überzeugen, das Häusermeer wirkt unendlich.
Am Nachmittag beginnt das offizielle Programm: Ein Besuch bei Rádio CBN. Der Journalist Thiago Barbosa heißt uns willkommen und zeigt uns die noch relativ neuen Redaktionsräume. Mit ihm diskutieren wir nicht nur über den Redaktionsalltag von CBN, das 1991 als erstes komplettes News-Radio gegründet, sondern vor allem über die aktuellen politischen Entwicklungen in seiner Stadt und in ganz Brasilien. Für uns besonders spannend: CBN streamt alle seine Sendungen live auf Youtube. Das ist in unseren Heimatredaktionen nicht üblich.
9. Oktober, Donnerstag:
Das Deutsche Konsulat in São Paulo hat uns gemeinsam mit brasilianischen Journalistinnen zu einem informellen Mittagessen ins Goethe-Institut eingeladen. Es wird ein reger Austausch über Arbeitsbedingungen und -schwerpunkte, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Der zweite Teil des Tages bringt uns in den Süden São Paulos, zur Knauf Akademie. Die Knauf Gruppe, eine Trockenbaufirma mit Stammsitz im unterfränkischen Iphofen, hat weltweit rund 43.000 Mitarbeitende und macht gut 15 Milliarden Euro Umsatz an mehreren Produktionsstätten in Brasilien. Die Nachfrage nach Wohnraum im Land ist riesig: Etwa sechs bis zehn Millionen brasilianische Haushalte haben keinen angemessenen Wohnraum, die aktuelle Regierung will hier nachjustieren und bis 2026 zwei Millionen bezahlbare Wohnungen schaffen.
10. Oktober, Freitag:
An diesem Tag besuchen wir ein weiteres deutsches Unternehmen, das in Brasilien aktiv ist: Mercedes-Benz, genauer gesagt Daimler Truck, das zu den weltweit größten Nutzfahrzeugherstellern der Welt zählt. Das Werk, das sich ebenfalls im Süden São Paulos befindet und in dem vor allem Busse und LKWs für den südamerikanischen Markt hergestellt werden, hat die Größe einer Kleinstadt. Es handelt sich nicht nur um die größte Produktionsstätte von Mercedes-Benz außerhalb Deutschlands, im Technologie-Zentrum in São Bernardo do Campo wird auch zu E-Mobilität und alternativen Kraftstoffen geforscht. Seit 2022 wird dort etwa der erste vollelektrische Bus für den brasilianischen und lateinamerikanischen Markt produziert.
Zum nächsten Termin geht es zurück in die Innenstadt: Die NGO Instituto de Referência Negra Peregum hat ihr Büro direkt am Praça da República, im 14. Stock mit fantastischer Aussicht über das Häusermeer der Stadt.
Peregum ist eine gemeinnützige Organisation, die von Bildungs-Aktivist:innen gegründet wurde. Ihnen geht es um Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteure, vor allem in Initiativen, die sich mit der Situation der schwarzen Bevölkerung auseinandersetzen und Rassismus in öffentlichen Debatten thematisieren. Die drei Aktivist:innen Beatriz Lourenço, Maíra Silva und Aline Guarizo beantworten geduldig unsere Fragen und teilen ihre Perspektiven auf verschiedene Themen von Umweltrassismus über Erinnerungskultur Schwarzer Geschichte in der Stadt mit uns.

11. und 12. Oktober, Samstag und Sonntag:
Das Wochenende wird mit Kultur eingeläutet, die internationale Strahlkraft hat: Die 36. Biennale von São Paulo hat ihre Türen geöffnet. Nach Venedig ist sie die zweitälteste Biennale der Welt und wird vom Leiter des Berliner Haus der Kulturen der Welt, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, chefkuratiert. Im großen Biennale-Pavillon, unter anderem von Oscar Niemeyer gestaltet, werden wir von Kunstwerk zu Kunstwerk geleitet.
13. Oktober, Montag:
Die erste Inlandsreise steht an: Der Flug nach Belém, dem Tor zum Amazonas und die Gastgeberstadt der 30. Weltklimakonferenz. Nach Check-In und klimatischer Akklimatisierung, denn in Belém war im Gegensatz zu São Paulo schon mit 30 Grad plus und hoher Luftfeuchtigkeit Hochsommer angesagt, wird der Tag mit einem gemeinsamen Abendessen abgeschlossen und sich einige Baustellen und Projekte eigens für die COP30 angeschaut.

14. Oktober, Dienstag:
Inêz Medeiros und Kelvyn Gomes warten am Vormittag auf uns in Vila da Barca, einem Stadtteil im Norden Beléms, der auch aufgrund der COP30 Probleme hat. Die beiden sind Aktivist:innen und kämpfen für das Viertel. In großen Teilen wohnen die Einwohner:innen in Holzhäusern, auf Stelzen gebaut, um vor Überflutungen des nahen Flusses, dem Baia do Guajará, geschützt zu sein. Ebenso hat das Viertel zum Großteil keinen Anschluss ans Abwassersystem der Stadt, sodass sich Abwasserlachen unter vielen Häusern befinden. Eine regelmäßige Wasserversorgung wurde auch erst recht frisch und nur durch den Kampf der Aktivist:innen von der Stadt eingerichtet.
Eindrücklich führen die beiden uns durch das Viertel. Dabei wird deutlich , dass die Menschen von Vila da Barca nicht von den durch die brasilianische Regierung viel gepriesenen Vorteilen profitieren, Gastgeber der COP zu sein. Schlimmer noch: Sie leiden unter den Nachteilen, da in ihrem Viertel eine Abpumpstation für das Abwasser von reicheren Neubau-Vierteln gebaut wird. Ein Projekt, das eigens für die COP ins Leben gerufen wurde.

15. Oktober, Mittwoch:
Einmal Biennale, immer Biennale: Am Vormittag sind einige aus der Gruppe zur Bienal das Amazônias gegangen: Eine Kunstschau, die zum zweiten Mal stattfindet und über 70 Künstler:innen aus acht pan-amazonischen Ländern vereint. Drei davon sind hier, um uns ihre Werke vorzustellen. Dabei geht es oft um Landflucht. Auch das Gebäude, in dem wir uns befinden, spielt dabei eine Rolle. Früher genutzt als Einkaufszentrum im Marktgebiet mitten in Belém, hat hier etwa die Mutter eine:r Künstler:in 30 Jahre lang gearbeitet, um ihre Familie versorgen zu können. Ein anderes Kunstwerk spielt mit einem Berg aus Sneakern und FlipFlops auf die Zerstörung des Amazonas an. Die COP ist hier ebenso Thema wie an all den anderen Orten, an denen wir mit Menschen ins Gespräch kommen.
Der Nachmittag steht dann ganz im Zeichen der Natur, denn Belém ist vom Regenwald umgeben. Den können wir uns durch eine Bootstour samt Halt in einem kleinen Dorf im Regenwald näher anschauen und lernen viel über Kautschuk, heilende Pflanzen und den Baum mit botanischem Namen Euterpe oleracea, bekannt durch seine Açai-Beeren, .

16. Oktober, Donnerstag:
5:00 Uhr, Flughafen Belém, Flug nach Brasília! Das heißt dann natürlich, sehr früh aufstehen und auschecken, um in die brasilianische Hauptstadt aufzubrechen, dem letzten Stopp unserer Reise. Nach Ankunft ruhen wir uns erstmal etwas aus und bereiteten uns dann auf einen wichtigen Termin vor. Denn das Highlight des Tages, wenn nicht sogar der gesamten Reise, steht noch am frühen Abend an: Ein Gespräch mit Marina Silva, der brasilianischen Umweltministerin. Eine wichtige Gesprächspartnerin, besonders im Hinblick auf die COP.
Im Konferenzraum des Umweltministeriums müssen wir dann noch warten, denn Marina Silva hat sich wegen einer sich verzögernden Abstimmung im Kongress verspätet. Als sie dann aber den Raum betritt , geht es direkt los. Die Stimmung ist konzentriert, aber freundlich. Eine Stunde haben wir für unsere Fragen an die Umweltministerin. Es ging natürlich viel um die COP in Belém.

17. Oktober, Freitag:
Weiter um die brasilianische und globale Umweltpolitik geht es beim WWF. Die Mitarbeitenden des Büros in Brasília berichten über Probleme und Fortschritte in Sachen Klima- und Umweltschutz und beantworten Fragen , die aus vorherigen Terminen entstanden sind. Ebenso kommen Hoffnungen und Erwartungen an die COP30 zur Sprache, bei der sie auch Deutschland in der Pflicht sehen, zum Beispiel bezüglich der finanziellen Beteiligung am sogenannten Tropical Forests Forever Facility (TFFF), einem vom brasilianischen Präsidenten Lula da Silva vorgeschlagenen neuen globalen Fonds für den Waldschutz.
Danach geht es zum Nationalkongress Brasílias, ein architektonisches Meisterwerk von Oscar Niemeyer, der als federführender Architekt der in den 1960er Jahren entstandenen Hauptstadt bedeutende Spuren hinterlassen hat.
Nach einer kleinen Pause geht es um 17 Uhr noch zu einem Gespräch mit Luís Ventura Fernández, Generalsekretär des Missionsrates für indigene Völker, dem CIMI (Conselho Indigenista Missionario). Gegründet 1972, mitten in der Militärdiktatur, setzt sich der Rat seither für die Verteidigung der Rechte indigener Völker ein und konnte so erreichen, dass diese in der neuen Verfassung (1988) anerkannt werden. Heute ist der Rat in ganz Brasilien tätig. Im Gespräch geht es vor allem um die Gewalt gegenüber indigenen Völkern in Brasilien, das CIMI hat dazu erst Ende Juli 2025 einen ausführlichen Bericht veröffentlicht. Die Demarkierungen, also Abgrenzungen indigener territorialer Gebiete, die von indigenen Bewegungen als wichtigstes Werkzeug sowohl gegen die Klimakrise als auch für den Schutz indigenen Lebens betrachtet werden, kamen zuletzt nur langsam voran. Indigene Landgebiete sind weiterhin großem Druck durch Landräuber ausgesetzt. Den Grund dafür sieht Ventura Fernández in der Verzweigung der politischen und wirtschaftlichen Macht des Landes: So wollten große Unternehmen historisch gesehen immer die Kontrolle über indigene Gebiete haben, in der jetzigen Regierung seien diese ökonomischen Interessen weiterhin stark vertreten. Ventura Fernández spricht außerdem vom “reaktionärsten und konservativsten Kongress seit der Militärdiktatur”, der die Rechte indigener Völker stark ausgehöhlt habe.
18. und 19. Oktober, Samstag und Sonntag:
Ein weiteres Bauwerk Niemeyers dürfen wir am Samstag besichtigen: Den Amtssitz des Präsidenten. Zahlreiche Kunstwerke zieren die weitläufigen Räumlichkeiten des modernen Palastes und wechseln je nach Präsidentschaft, um dem Gebäude eine eigene Handschrift zu verpassen. Auch können wir im privaten Büroraum Lula da Silvas vermeintlich aktuelle Lektüre anschauen: Die Bandbreite der Themen reicht von Rap über Schwarzen Feminismus bis hin zu indigenen Rechten.
20. und 21. Oktober, Montag und Dienstag:
Rückflug von Brasília via São Paulo und Frankfurt nach Berlin: Ohne Verspätung hat alles geklappt! Der Abschied von der Gruppe fiel schwer – vor allem nach so einer intensiven Zeit und einer tollen Gruppendynamik!
Die Reise fand in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung von Misereor, dem WWF, Knauf, Daimler Truck und der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt.
Die Organisator*innen waren die freien Journalist*innen Azadê Peşmen (ZEIT, WDR Cosmo), Caren Miesenberger (WDR COSMO, DLF Kultur) und Oliver Noffke (rbb).