Ein Land unter Druck: Georgien am Scheideweg zwischen Europa und Russland
Recherchereise nach Georgien im November 2025
Von Tim Schellenbach und Moritz Kudermann
Die Flagge der EU sieht man nicht nur auf den Demonstrationen, sondern überall in Tiflis (Foto: Johann Stephanowitz)
Tbilisi empfängt uns an diesem Freitagmittag mit seiner ganzen Pracht: Die Sonne strahlt, und bei angenehmen 18 Grad brechen wir auf in Richtung Stadtzentrum. Ein Snack beim Bäcker auf die Hand, schnell noch einen Kaffee in der Sonne getrunken, und schon geht es weiter – der Start einer ganz normalen Reise. Doch wer aufmerksam durch Tbilisi läuft, merkt schnell: Irgendetwas hier ist anders. Da sind etwa die bemalten Hauswände, die abwechselnd die Flagge von Georgien, der EU, der NATO oder der Ukraine zeigen – geziert mit der Aufschrift „FUCK PUTIN“ oder „FUCK RUZZIA“. Oder die Kameras, die uns auf der Rustaveli Avenue, einer der Hauptstraßen der Stadt, auf Schritt und Tritt aufzeichnen.
Einladung zur jn-Recherchereise nach Georgien vom 6. bis 16. November 2025
Pro-europäische Proteste in Tiflis (Foto: Ramaz Bluashvili)
Vor einem Jahr erschütterten massive Proteste gegen Wahlfälschungen und die Regierungspartei „Georgischer Traum“ die georgische Gesellschaft. Trotzdem ist für viele junge Georgier:innen der Wunsch nach einem klaren europäischen Kurs so groß wie nie zuvor. Zugleich ist das Land von tiefen politischen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt.
Mit unserer rund zehntägigen Recherchereise möchten wir diese Widersprüche sichtbar machen und mit zentralen Akteur:innen ins Gespräch kommen.
Georgien nach der Wahl: Die Kaukasusrepublik am Scheideweg zwischen Russland und Europa
#Webtalk mit der georgischen Journalistin Tamar Kintsurashvili
Digitales Hintergrundgespräch am 19. November 2024 um 19 Uhr
Im Schatten der US-Wahlen hat auch ein anderes Land gewählt: In Georgien fanden Ende Oktober Parlamentswahlen statt. Seitdem kommt das Land nicht zur Ruhe. Die russlandnahe Regierungspartei „Georgischer Traum“ reklamiert den Sieg für sich, die Opposition allerdings spricht von Betrug und will das Ergebnis nicht anerkennen. Wahlbeobachter*innen berichten von massiven Verstößen, und im Land kommt es – wieder einmal – zu Massenprotesten.