Brexit-Turbulenzen, hautnah

Recherchereise ins Vereinigte Königreich im März 2019

Text & Fotos: Daphne Flieger

Die Europa-Fahne im Anschlag: Unsere Brexit-Reisegruppe in London

„Brexit-Drama“ – „Der nächste Akt in einer Tragödie“ – „Die spinnen, die Briten“: Medienmacher finden dramatische Formulierungen, wenn sie den Austritt Großbritanniens in Schlagzeilen packen. Doch wie sehen es die Briten selbst? Wir sind nach Nordirland und London geflogen, um auf die Frage eine Antwort zu finden.

Der erste Schauplatz unserer Reise im März 2019 ist Belfast, Nordirland. Dass man hier mit Pfund und nicht wie in Dublin, wo wir gelandet sind, mit Euro zahlen kann, ist wohl das erste aller Indizien, das uns sagt: Wir sind im Vereinigten Königreich. Nordirlands Hauptstadt ist unter anderem dafür berühmt, dass hier die legendäre Titanic gebaut wurde. Wir sind natürlich auf ganz anderen Spuren unterwegs, aber trotzdem führt uns unser Weg auch an dieser Stelle wortwörtlich vorbei.

Petra Herrmann kommt gebürtig aus Nürnberg

Petra Herrmann ist eine deutsche Stadtführerin, die seit mehr als 20 Jahren auf der Insel lebt. Von Petra hören wir an dem Tag Sätze, die wir so ähnlich häufig auf der Reise hören werden: „Auf den Brexit vorbereitet? Hmm … nicht wirklich.“ Man spreche nicht gerne in der Öffentlichkeit darüber, so die Mittfünfzigerin. Dass Schüler- und Studentenaustauschprogramme nach dem Brexit der Vergangenheit angehören könnten, stimmt Petra nachdenklich, weil sie dadurch ein neues Zuhause in Nordirland fand. Das Thema treibt auch jüngere Generationen um.

Wie es Schüler und Studenten politisiert, zeigt eine junge Anti-Brexit-Gruppe namens „Our Future, Our Choice“, die sich für ein zweites Referendum stark macht. Einer von ihnen: der 18-jährige Pearse Smith. Bei einem Tee in der Hotellobby erklärt er uns, welche Gefahren der Brexit auch auf den fragilen Frieden in Nordirland hat. „Die Gemeinschaft ist sehr, sehr gespalten. Ein Teil will im Königreich bleiben, der andere Teil will zur Republik Irland. Die Erinnerung an den Konflikt ist noch immer sehr präsent.“

Der Konflikt ist überall

Wie präsent diese Vergangenheit noch ist, das erleben wir in Derry/Londonderry. Plakativ leuchten Murals, riesige Malereien, von den Hauswänden. Sie befinden sich im katholischen Stadtviertel Bogside. Gasmasken, Molotow-Cocktails, Schusswaffen: Wie kann eine Stadt die Geschichte hinter sich lassen, wenn sie in den Straßen und Köpfen noch so präsent ist? Wir treffen Paul Doherty. Während er mit uns durch die Straßen der geschichtsträchtigen Stadt läuft, begrüßt er immer wieder Menschen. Jeder scheint ihn zu kennen, auch Paul Doherty kennt jeden beim Namen.

Paul Doherty führt Touristen durch die Bogside

„Meinem Vater wurde von einem britischen Soldaten genau hier in den Rücken geschossen“, sagt Paul Doherty vor einem Gedenkstein für die Verstorbenen. Paul Dohertys Vater war einer der 13 katholischen Demonstranten, die 1972 am Bloody Sunday zu Tode kamen. Paul war damals noch ein kleiner Junge, 47 Jahre später erzählt er uns als Stadtführer seine Version der Geschichte. Die Frage, wie genau die Geschichte erzählt wird, gewinnt angesichts des bevorstehenden EU-Austritts des Vereinigten Königreichs an Brisanz. „Es gibt keinen Versuch, ein gemeinsames Narrativ zu entwickeln“, sagt Katy Hayward, Soziologin an der Queen’s University in Belfast und verweist damit auf das Karfreitagsabkommen. Einerseits sorgte es nach den Ausschreitungen für eine gewisse Normalisierung, anderseits sei die Grenzfrage dadurch zur entscheidenden Frage geworden. Auch zwanzig Jahre nach dem Abkommen brodelt der Nordirlandkonflikt noch, das zeigen die Fotos von Mariusz Smiejek. Der Fotograf hat das alles in einer ästhetisch eindrucksvollen Bildsprache festgehalten: von Straßenschlachten bis hin zum Blick in heimische Wohnzimmer, in denen Waffen an der Wand hängen. Smiejek hört beiden Seiten zu, hat sich über die Jahre das Vertrauen der Menschen aufgebaut.

Der Tourismus in Nordirland boomt

Nordirland ist aber nicht nur Schauplatz der Backstop-Debatte, sondern war auch Drehort für die US-amerikanische Fantasy-Serie „Game of Thrones“. Nicole Stevenson von Tourism Northern Ireland befürchtet keinerlei Brexit-Auswirkungen auf den boomenden Tourismus. Fünf Millionen Übernachtungen zählte Nordirland insgesamt 2018. Und auch wir wandeln einen Nachmittag befreit auf den Spuren von John Snow aus der Serie – und lassen dem Eskapismus zumindest kurz freien Lauf. Im Castle Ward, das in der Serie Pate für einen der zentralen Schauplätze stand, führt uns James McKay durch das Serien-“Winterfell“. Fähnchen auf einer schultafelgroßen Weltkarte zeigen, woher seine Gäste kommen – von überall auf der Welt.

Gute Laune am Game of Thrones-Filmset auf Castle Ward

Schauplatzwechsel ist dann Mitte der Woche – wir verlassen Nordirland und es geht nach London. Zu einem Zeitpunkt, den man wohl nicht hätte besser wählen können: Ein kleiner Abstimmungsmarathon im Unterhaus wird unsere Arbeit an diesen Tagen begleiten, wenn nicht sogar beflügeln. An zwei Tagen können wir uns abends selbst ein Bild von den Demonstrationen vor dem Parlament machen, O-Töne einsammeln, das Demonstrationsgeschehen mittendrin verfolgen.

In der Hauptstadt des Brexit-Wahnsinns

Beim Abendessen in einem Pub um die Ecke werden wir dann auch noch Zeuge von der Entstehung eines Aufmachers. Björn Finke von der Süddeutschen Zeitung schreibt seinen Artikel in Seelenruhe fertig, bevor er sich später mit Stefanie Bolzen von der Zeitung DIE WELT unseren Fragen stellt. Als Korrespondenten erleben sie die täglichen politischen Wirrungen rund um den Brexit direkt und geben uns Einblicke, wie sie ihre Vermittlerrolle zwischen dem Publikum in Deutschland, den Redaktionen in München beziehungsweise Berlin und den Akteuren in Großbritannien und Irland gestalten.

In einem modernen Bürogebäude mit vielen Coworking-Büros empfängt uns Dr. Manuela Rabener. Die Ökonomin ist Mitgründerin und Marketingleiterin von Scalable Capital, ein Fintech, das digitale Vermögensverwaltung anbietet. Weil Scalable mit seinen beiden Standorten München und London sowohl auf dem britischen wie auf dem deutschen Markt aktiv ist, treibt der Brexit auch Rabener und ihr Team um. Allerdings: Scalable Capital ist bei den Regulatoren beider Staaten lizenziert. Ein EU-Austritt würde das Kundengeschäft nicht in Frage stellen.

Besuch im Hafen von Dover

Die Hafenstadt Dover an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals würde durch den Brexit zum absoluten Nadelöhr und zur Grenzstadt werden. Tim Dixon führt uns über das Betriebsgelände von Motis, einem Dienstleister für die Logistikbranche. Sein Unternehmen kümmert sich für LKW-Fahrer aus Nicht-EU-Ländern um die Zollformalitäten. Bei einem Brexit ohne Handelsabkommen würden die Staus im Hafengelände und den Straßen der Kleinstadt ins Unermessliche wachsen.

Die weiteren Gesprächstermine in Dover und London untermauern unsere Erfahrungen der bisherigen Reise. Ob City Councillor Nigel Collor oder Mark Brearley, dem Inhaber des Traditions-Handwerksbetriebs Kaymet: Dem Brexit blicken alle ähnlich entgegen – etwas hoffnungslos wegen der fehlenden Möglichkeiten, selbst etwas bewegen zu können, dadurch auch irgendwie hilflos. Hintergrundgespräche wie bei der Barclays Investment Bank geben die Möglichkeit der Einordnung. Doktoranden wie der Deutsche Malte Laub am King’s College in London zeigen uns, was die Brexit-Ungewissheit mit Studenten aus aller Welt macht.

Wie geht’s weiter? Keine Ahnung…

Ob Großbritannien die EU verlassen wird, können wir nach dieser Woche nicht sagen. Unsere Gruppe verlässt das Land am 16. März, also etwa zwei Wochen vor dem 2016 festgelegten Austrittsdatum. Um noch einmal die überstrapazierten Floskeln zu bemühen: Gibt es ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende, wird es gar eine unendliche Geschichte? Das Brexit-Drama ist vorerst nicht vorbei, aber eins ist sicher, auch wenn es sich ganz anders anfühlt. Wäre der Brexit eine Oper, dann waren diese bisherigen zwei Jahre nur die Ouvertüre gewesen. Ja, bloß der Auftakt. Nach einem Austritt fängt die Arbeit erst so richtig an. Nach etlichen intensiven Begegnungen in Nordirland, London und Dover können wir die Hintergründe des Brexits zwar immer noch nicht komplett begreifen, aber um einiges besser nachvollziehen.

Die Reise nach Großbritannien und Nordirland wurde organisiert von Hendrik Buhrs und Patrick Fina (beide WDR). Die Recherchereise wurde unterstützt von der Johanna-Quandt-Stiftung, Irland Information Tourism Ireland und Scalable Capital. Wir danken allen Sponsoren herzlich für ihre Unterstützung!